Titelbild: Starke Kontur.
09.11.2017 - Stefan Schwarz

Starke Kontur.

Der neue iMac Pro.

Wer sich in den letzten Jahren mit den Geschäftszahlen von Apple beschäftigt hat, sieht auf den ersten Blick, wo der Fokus liegt. Seit der Vorstellung des iPhone im Jahr 2007 wird mit iOS-Geräten der Großteil des Umsatzes und Ertrags generiert. Außerdem sind iPhone, iPad und auch Apple TV die primäre Plattform für Apps und Inhalte, die ebenso einen wesentlichen Bestandteil von Apples Erfolg darstellen und künftig zunehmend wichtiger werden. Der Fokus liegt auf dem kompletten Ökosystem und dazu zählt jeder Umsatz auf der Apple ID und nicht nur die gekaufte Hardware. 30 Millionen Apple Music Kunden zahlen jährlich zwischen 120 € und 180 € für den Apple Service, weil sie mit den Produkten und dem Ökosystem, das Apple bietet, zufrieden sind. Auch sie haben möglicherweise schon zum Erfolg der Apple Services beigetragen, denn 2 TB iCloud Speicher sind schnell abonniert, wenn man all seine Dokumente, Fotos und Videos über jedes Device abrufen möchte.

Die Entwicklung im Bereich iOS geht seit Jahren in einem atemberaubenden Tempo voran. Zusätzlich sind wir im Bereich Performance mittlerweile an einem Punkt, an dem auch sehr anspruchsvolle Aufgaben mit einem iPad Pro erledigt werden können. Apps werden immer besser und überholen ihre eigene Desktop-Derivate in puncto Usability sogar. Während im Jahr 2010, als Steve Jobs das iPad vorstellte, der Großteil unserer Branche noch über die Post-PC-Ära gewitzelt hat, sieht man nun, was in nur sieben Jahren alles möglich geworden ist. Aber nur, weil es möglich ist, heißt das leider noch lange nicht, dass auch jeder bereits heute so arbeitet. Auch wenn ich es nicht recherchiert habe, lehne ich mich mit der folgenden Behauptung nicht zu weit aus dem Fenster: Anwender, die aus geschäftlichen Gründen Inhalte erstellen, tun dies nach wie vor zum Großteil während ihrer kreativen Zeit an einem Desktop und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben.

 

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Sie erinnern sich an den Lkw-Pkw-Vergleich in meinem Artikel zum iPad Pro?

Wenn ich als Privatperson einmal im Jahr einen Kühlschrank transportieren muss, reicht mir mein Pkw. Wenn ich es beruflich jeden Tag tue, nehme ich doch lieber den Lkw. Ein paar Fotos bearbeiten, bewerten, aussortieren etc., das klappt super auf dem iPad Pro. Wenn ich aber als Fotograf täglich mit Hunderten Bildern im Raw-Format arbeiten darf, bevorzuge ich einen Mac. Sicherlich bedeutet der zusätzliche Komfort, unterwegs mit dem iPad Pro an Projekten weiterzuarbeiten, einen wichtigen Zugewinn und viele andere Aufgaben im beruflichen Alltag wie Kommunikation, Terminplanung etc. können damit bestens erledigt werden. Aber letztlich ist die Kombination aus beiden Geräten der Schlüssel und nicht die Entscheidung „Entweder-oder“.

Für eingefleischte Mac User der ersten Stunde waren die letzten Jahre nicht einfach. Apple hat sich nicht mehr ernsthaft auf diesen Markt fokussiert. Die Abkündigung von Final Cut 7 im Jahr 2011, der neu designte Mac Pro 2013, die Abkündigung von Aperture, fehlende Schnittstellen bei mobilen Geräten – das alles waren Themen, bei denen der Kunde plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Während private Endverbraucher tendenziell eher auf neue Features, Design und Image Wert legen und sich der Trend seit Jahren in Richtung immer mobilerer Endgeräte entwickelt, haben Geschäftskunden, die mit ihrem Apple Equipment Geld verdienen und täglich darauf angewiesen sind, andere Bedürfnisse. Langweilige Werte wie Stabilität, Performance, Aufrüstbarkeit, Service und Unterstützung von Standards sind wichtiger als die neue Trendfarbe oder der nächste Grad der Miniaturisierung. Für den eigenen Auftraggeber spielt es keine Rolle, auf welcher Plattform oder welchem Gerät der Auftrag erstellt wird. Oder haben Sie im Restaurant schon einmal gefragt, in welcher Pfanne Ihr Filet gebraten wird? Alles, was hier zählt, ist das Ergebnis.

 

iMac Pro im Test

 

Oft kommt an dieser Stelle die Argumentation, dass man als Apple User doch seit jeher wisse, wie Apple agiert, und dass man keine Roadmaps, baugleiche Nachfolger, Line-Ups oder Ähnliches erwarten dürfe. Das Argument ist sicher richtig, aber Apple adressiert schon immer (und in den letzten Jahren mit stark steigendem Interesse) auch Geschäftskunden als Zielgruppe und auf diesem Spielfeld gelten etwas andere Spielregeln. Auch wenn Kompromisse nicht Teil der Apple DNA sind, so stellen diese Anforderungen dennoch ernst zu nehmende Beweggründe für eine Plattformentscheidung des Anwenders dar. Beides ist nachvollziehbar, aber eben nur schwer miteinander in Einklang zu bringen und das ist vermutlich auch der Grund, weshalb die kritischen Stimmen in letzter Zeit immer lauter wurden. Viele kreative Anwender sind Apple stets treu geblieben, weil sie sich auf eine zuverlässige und gut aufgestellte Plattform aus Hardware, Software und Services aus einer Hand verlassen
konnten.

Doch als Apple das neue MacBook Pro im Herbst 2016 vorgestellt hat, begann diese Loyalität zumindest in Blogs und Forenbeiträgen zu bröckeln. Die Performance des Produkts wurde im Markt als nicht leistungsfähig genug angesehen und die fehlenden Schnittstellen wie z. B. der SD Card Reader haben dem Gerät eher einen semiprofessionellen Status eingebracht. Immer mehr Anwender fragen sich, ob Apple ihre High-End-Bedürfnisse zukünftig überhaupt noch adressieren möchte. In dieser Gemengelage sprang plötzlich Phil Schiller (Senior Vice President Worldwide Marketing) auf die Bühne, wohl auch, um Schlimmeres zu verhindern. In einem Interview im April 2017 hat er tatsächlich aus dem Nähkästchen geplaudert und bekräftigt, dass die Zielgruppe der Power User für Apple nach wie vor eine sehr wichtige ist. Mehr noch: Er hat – völlig untypisch für Apple – einen, wenn auch sehr vagen, Ausblick in die Zukunft gegeben. Die Entwicklung eines neuen, modularen Mac Pro und eines Pro Displays wurde angekündigt! Des Weiteren wurde auf der WWDC 2017 zusätzlich noch der iMac Pro vorgestellt, der bereits ab Dezember 2017 lieferbar sein wird. Was für ein Comeback!

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Doch wird damit nun alles besser?

Da das Gerät zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags noch nicht veröffentlicht ist und man zusätzlich zu der Vorstellung des Geräts auf der WWDC und den technischen Daten auf Apples Website noch nicht viele Informationen abrufen kann, bewegen wir uns in der grauen Theorie und leider noch nicht in der bunten Praxis. Aber in der Theorie sieht der neue iMac Pro bereits sehr vielversprechend aus! In Produkt- und Preisvergleichen wird bereits beim Standard-iMac-Modell aus meiner Sicht das Display oft vernachlässigt. Dieses ist mittlerweile so gut, dass es auch in zahlreichen High-End-Bereichen eine mehr als ausreichende Darstellung liefert. Das 27″-Display mit 5K-Retina- Auflösung (14,7 Millionen Pixel), 500 Nits Helligkeit und der Darstellung des DCI-P3- Farbraums (über 1 Milliarde Farben) lässt nicht mehr viele Wünsche offen. Sowohl Inhalte zu erstellen als auch Inhalte zu konsumieren machen damit einfach mehr Spaß als mit einem gewöhnlichen Monitor. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, ist ein Rückschritt nahezu unmöglich. Die technischen Daten des iMac Pro sind ohne Zweifel beeindruckend. Bis zu 18 Xeon CPU-Kerne, bis zu 128 GB ECC Memory, Radeon Pro Vega-Grafik und bis zu 4 TB interner SSD- Speicher mit einem Datendurchsatz von 3 GB/s lassen das Herz höherschlagen. Dennoch ist der Punkt „Leistung“ objektiv schwierig zu beurteilen. Zum einen, weil man in unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Anforderungen hat, und zum anderen weil man davon auch irgendwie nie genug haben kann. Letztlich hängt die gefühlte Zufriedenheit des Users am stärksten von der verwendeten Software ab. Eigentlich ist das ein Heimspiel für Apple, da Hardware und Betriebssystem aus einem Hause kommen und dadurch eine hervorragende Abstimmung ermöglichen. Wichtig sind aber auch die letzten Meter eines Rennens – und das ist die Applikation selbst. Hier gibt es teils gravierende Unterschiede. Ein positives Beispiel ist, das hauseigene Final Cut X.

4K Footage in Final Cut X zu schneiden und zu rendern. Das funktioniert spürbar besser als mit anderen Programmen auf dem gleichen Gerät. Auch im Bereich der Bildbearbeitung zeigt sich der enorme Unterschied. Während man durch Hunderte von Raw-Dateien im Programm „A“ nur so durchfliegt und die einzelnen Bearbeitungsschritte nahezu verzögerungsfrei durchgeführt werden können, laufen die gleichen Bearbeitungsschritte mit den gleichen Raw-Dateien in Software „B“ mehr als zäh. Apple stellt für die Entwickler lediglich die Grundlagen (z. B. Open CL, Metal 2) zur Verfügung. Es liegt an den Softwareherstellern, ob beziehungsweise wie schnell sie ihre Produkte optimieren. Die Demo von Industrial Light & Magic und Epic Games auf dem Apple Event hat bewiesen, wie leistungsfähig das Gerät im Bereich beispielsweise im Bereich VR ist. Was hier gezeigt wurde, war aus meiner Sicht sehr beeindruckend.

Ein spannender Punkt ist in diesem Zusammenhang, wie sich AMDs Radeon Pro Vega-Grafik im iMac Pro schlägt. Vor allem auf die Hitze- und Geräuschentwicklung im schmalen Gehäuse des iMac Pro werde ich in den ersten Praxistests zum iMac Pro besonders achten. Vega Benchmarks im Windows Umfeld zeigen, dass die GPU im Bereich Performance sehr gut mit vergleichbaren Produkten von NVIDIA mithalten beziehungsweise sie sogar überbieten kann. Die Leistungsaufnahme ist dabei aber sehr hoch. Apple hat dafür das Wärmemanagement komplett überarbeitet und den iMac Pro mit innovativen Duallüftern, einem großen Kühlkörper und zusätzlicher Belüftung ausgestattet. Einziger Wermutstropfen dabei: Die RAM-Module sind nun anders platziert als bei der Standardvariante des iMac und können dadurch nicht mehr vom User selbst gewechselt werden. Ob man sein neues Arbeitspferd also „nur“ mit 32 GB Arbeitsspeicher bestellt will, gut überlegt sein, denn während man die Festplattenkapazität mittels Thunderbolt-3-Technologie auch mit schnellen externen Medien erweitern kann, bleibt beim RAM Upgrade voraussichtlich nur der Weg über den Fachhandel. Apropos Thunderbolt 3: Schnittstellen hat der neue iMac Pro auch. Neben vier Thunderbolt 3-(USB-C-)Anschlüssen stehen vier weitere USB-3-Anschlüsse, ein 3,5-mm-Kopfhöreranschluss, ein SDXC-Kartensteckplatz mit Unterstützung für UHS-II-SD-Karten und ein abwärtskompatibler 10-Gbit-Ethernet-Anschluss zur Verfügung. Damit können beispielsweise zwei weitere 5K-Displays und zwei RAID-Systeme (z. B. von G-Tech) angeschlossen werden. Genug Platz zum Arbeiten – sowohl auf den Bildschirmen als auch für den Content.

43 % heller

128 GB ECC Memory

18 Xeon CPU-Kerne

Radeon Vega-Grafik

 

Design

 

Rein optisch unterscheidet sich der iMac nur in einem Punkt von seinem kleinen Bruder, und zwar in der Farbe. Ein iMac in Space Grau ist sicherlich für viele ein Traum. Dass sowohl das Keyboard als auch Trackpad und Magic Mouse in Space Grau gehalten sind, rundet das Design ab. Apple hat angekündigt, dass diese Accessories nicht separat erhältlich sein werden. Obwohl ich mir sicher bin, dass die Nachfrage danach sehr hoch wäre, halte ich diesen Schachzug von Apple doch für sehr geschickt. Verknappung weckt Begehrlichkeit – Kunden mit sehr ausgeprägter Designorientierung und wenig ausgeprägter Budgetfokussierung werden sich das Gerät einfach so bestellen, weil sie es haben wollen. Dass das Gerät in seinem Einsatzgebiet niemals die 20-Prozent-Marke bei der CPU-Auslastung übersteigen wird, stört dabei weder den Kunden noch den Verkäufer.

Die ersten Berichte von Leuten, die das Gerät live gesehen haben, sind durchweg positiv. Space Grau ist einfach chic und passt auch sehr gut zur Zielgruppe dieser High-End-Workstation.

 

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Preis-Leistungs-Verhältnis

Preislich geht es bei 4.999 $ Listenpreis für das Einstiegsgerät los. Mit dem einen oder anderen Upgrade im Bereich CPU, RAM, GPU und SSD ist die 10.000-$-Marke sicher sehr schnell durchbrochen. Das ist ohne Frage sehr viel Geld, aber aus meiner Sicht mehr als fair für die gebotene Leistung. Wenn man sich durch Konfiguratoren der klassischen PC-Hersteller im Windows Umfeld klickt und dort Workstations mit ähnlichen Daten konfiguriert, liegt man in ähnlichen Preiskategorien. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass bei diesen Geräten meistens kein Display enthalten ist, was in diesem Zusammenhang mit ca. 1.400 € (UVP) für den iMac Pro zu Buche schlägt.

Letztlich spielt der Preis bei der Zielgruppe eine untergeordnete Rolle. Dank der Zeitersparnis, die täglich durch die höhere Leistung erreicht wird, amortisiert sich das Gerät in sehr kurzer Zeit.

 

 

Fazit

Apple hat den iMac Pro nicht ohne Grund angekündigt. Der Kreativmarkt hat sich bereits sehr lange von Apple vernachlässigt gefühlt und andere Hersteller wie z. B. HP, Dell oder zuletzt auch Microsoft haben sich mehr und mehr auf die Bedürfnisse dieser Kunden fokussiert, und das nicht ohne Grund. Auch wenn der Markt in reinen Zahlen auf den ersten Blick gegebenenfalls als Nische erscheinen mag, ist der Marketingeffekt, der dort erzielt wird, enorm. Viele Kreative sind bekannte Influencer mit Tausenden Followern in sozialen Medien. Sie beeinflussen damit die Meinung ihrer Leser, der Käufer und Anwender. Damit entscheidet diese Zielgruppe auch, was trendig ist und was letztlich gekauft wird.

Ob der iMac Pro ein Erfolg wird, wird sich erst noch zeigen. In puncto Leistung wird er sicherlich die Bedürfnisse von vielen Kunden erfüllen. Dennoch bleibt der Ausblick auf den neuen, modularen Mac Pro, der in Sachen Leistung sicherlich noch etwas mehr zu bieten hat.

Fest steht, dass Apple sehr bald wieder ein komplettes Mac Portfolio anbieten wird. Pro User haben dann die Qual der Wahl. Wer hätte es für möglich gehalten?

 

Stefan Schwarz
#Stefan Schwarz

Stefan Schwarz

Business Development Manager

Stefan Schwarz ist als Business Development Manager Apple bei ALSO für die Entwicklung des B2B und Education Geschäfts im Apple Markt verantwortlich. Neben den Apple Bereitstellungsprogrammen (DEP & VPP) und AppleCare ist er Ansprechpartner für die Apple Version der E-Commerce Lösung ALSO MyStore (–professionelle E-Commerce-Lösung für Apple Partner). Privat ist der 37-Jährige Familienvater passionierter Fotograf, überzeugter Apple User und leidenschaftlicher Basketball Spieler.

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