Titelbild: Eine neue Ära der Fotografie.
07.11.2018 - Stefan Schwarz

Eine neue Ära der Fotografie.

Das iPhone Xs – Computional Photography.

Im Jahr 1999 erschien das weltweit erste Mobiltelefon mit integrierter Kamera auf dem japanischen Markt. Hersteller war damals Toshiba, das Gerät trug den klangvollen Namen „Camesse“ und trumpfte mit einer Auflösung von satten 0,1 Megapixel (MP) auf. Im gleichen Jahr brachte Nikon mit der D1 seine erste digitale Spiegelreflexkamera mit einer Auflösung von 2,74 MP auf den Markt. Ein Jahr später war Canon mit der D30 an der Reihe. Damals herrschte in meinem Umfeld die landläufige Meinung, dass eine Kamera in einem Telefon „völlig sinnlos“ sei und dass man damit ohnehin keine „vernünftigen Bilder“ machen könne. Zwei drastische Fehleinschätzungen, wie sich inzwischen herausstellte.

Meine erste digitale Spiegelreflexkamera war die Nikon D80 im Jahr 2007. Eines der bekanntesten Zitate von Helmut Newton ist „Die ersten 10.000 Aufnahmen sind die schlechtesten“ und er sollte recht behalten. Wenn ich heute meine Bilder von damals betrachte, habe ich dieses Kontingent verbraucht, nur um die Kamera richtig bedienen zu können. Im gleichen Jahr präsentierte Apple der Welt das iPhone. Steve Jobs stellte zu jener Zeit drei Punkte besonders heraus: „Widescreen iPod with Touch Controls“, „Revolutionary Mobile Phone“ und „Breakthrough Internet Communicator“ – oder einfach zusammengefasst „iPod“, „Phone“ und „Internet“. Dass der Siegeszug des iPhones im Vorbeigehen noch die Kamerawelt revolutionieren würde, hätte wohl die Keynote gesprengt und das Auditorium zeigte sich auch ohne dieses vierte Argument restlos überzeugt. Aber so sollte es eintreten.

Das Segment der Kompaktkameras war das erste Opfer, denn sie konnten dem iPhone nicht lange Paroli bieten. Ab 2010 ging es steil bergab, wie jüngste Zahlen von Statista belegen. Als nächster Gegner des Smartphones stellt sich nun das Marktsegment für Einstiegskameras im Bereich der digitalen Spiegelreflexkameras und spiegellosen Systemkameras in den Ring. Während der Absatz digitaler Spiegelreflexkameras bereits seit Jahren rückläufig ist, nehmen spiegellose Systemkameras gerade ihren Platz ein. Getrieben wird diese Entwicklung durch Mobilität. Systemkameras haben gegenüber Spiegelreflexkameras den Vorteil, dass man sowohl Kameras als auch teilweise deren Objektive bei gleicher Bildqualität kleiner konstruieren kann. Die Größe der Sensoren dieser Kameras liegt deutlich über jener der Sensoren eines Smartphones. Die Objektive sind hier ebenfalls wechselbar, weshalb beispielsweise auch lichtstarke Objektive für Porträts und Low-Light-Fotografie verwendet werden können. Das machte dieses Marktsegment bisher resistent gegenüber Smartphones mit kleinen Sensoren und Objektiven mit nahezu keiner Möglichkeit des Freistellens. Das iPhone Xs läutet hier eine neue Ära ein.

 

 

Rückblick – der Siegeszug des iPhones

„The Best Camera is the One That’s with You“ lautet nicht nur ein viel zitierter Spruch, sondern zudem der Buchtitel zum Thema iPhone-Fotografie des bekannten Fotografen und Influencers Chase Jarvis, der dies frühzeitig erkannte und bereits 2009 sein Buch veröffentlichte. Ob bzw. wann die Qualität der Bilder für den jeweiligen Anlass ausreicht, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Fest steht jedoch, dass das iPhone immer dabei ist, was man von seiner Kamera nicht behaupten kann. Das ermöglicht Bilder, die sonst nicht gemacht werden würden. Ein qualitativ schlechteres Bild ist besser als kein Bild – oder anders ausgedrückt: Nicht Megapixel oder Dynamikumfang, sondern der Moment und das Motiv wecken Emotionen beim Betrachter des Bildes.

Die iPhone-Kamera überzeugt außerdem durch sehr einfache Bedienbarkeit. Wie bei jedem Apple Produkt sind auch die Einstellungen in der Kamera-App auf das Wesentliche reduziert. Blende, Belichtungszeit, ISO, Fokus – alles wird von der Software automatisch vorgegeben. Die Bedienung funktioniert kinderleicht.

Apple vereinfacht neben dem Erstellen der Bilder auch gleich den kompletten Workflow. Früher mussten die Bilder von der Speicherkarte in irgendein Device gesteckt, auf das Gerät und/oder in eine Bilddatenbank importiert, aussortiert, getaggt, bearbeitet, exportiert, gedruckt und irgendwo hochgeladen werden. Zwischen der Bildaufnahme und der Präsentation vergingen oft Tage, Wochen oder sogar Monate und dazwischen viel Zeit am Computer. Heute heißt es Bild aufnehmen, bei Bedarf direkt bearbeiten, ab in die sozialen Medien und parallel zur Datensicherung in die iCloud. Gesichter und Orte werden automatisch erkannt bzw. getaggt und intelligente Softwarealgorithmen sorgen dafür, dass die Bilder in Sammlungen oder Kollektionen angelegt werden. Alles automatisch und immer griffbereit in der eigenen Hand- bzw. Hosentasche.

Die Qualität der Bilder wird von Modell zu Modell in großen Schritten besser. Noch vor wenigen Jahren hörte man Sätze wie „iPhone-Fotos sehen nur auf dem iPhone wirklich gut aus“. Zugegeben, das war auch mal so, aber die Bilder werden ohnehin fast nur noch auf dem Smartphone konsumiert und bereits wenige Modellgenerationen später stimmt auch diese Aussage nicht mehr. Sicherlich gibt es, je nach Ausgabemedium, weiterhin enorme Unterschied zwischen einer High-End-Kamera und einem iPhone. Aber der Trend zeigt, dass die Qualität für die Masse der Menschen inzwischen völlig ausreichend ist. Apple arbeitet konsequent daran, das Optimum aus dem Gerät herauszuholen. Hardwareseitig ist in den Topmodellen seit dem iPhone 7 Plus neben dem Weitwinkelobjektiv auch ein Teleobjektiv verbaut. Dank der dualen optischen Bildstabilisierung gelingen selbst bei schlechten Lichtverhältnissen mit tendenziell längeren Verschlusszeiten noch verwacklungsfreie Aufnahmen. Viel wichtiger als die Hardware sind mittlerweile die Entwicklungen im Softwareumfeld. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sorgen dafür, dass die Bilder in Echtzeit aufwendig analysiert und intelligent aufbereitet werden.

 

iPhone Xs – ein weiterer Meilenstein in der Fotografie

Hardwareseitig haben sowohl die Weitwinkelkameras des Dualkamerasystems als auch die Frontkamera einen neuen, größeren Sensor mit größeren Pixeln erhalten. Die Weitwinkelkamera hat ebenso wie die Kamera für den Telebereich 12 Megapixel. Die Selfiekamera auf der Frontseite löst mit 7 Megapixeln auf und besitzt eine maximale Lichtstärke von F/2.2. Das Weitwinkel- wie auch das Teleobjektiv verfügen jeweils über 6 Glaselemente bei einer maximalen Blende von F/1.8 im Bereich Weitwinkel- bzw. F/2.4 im Telebereich. Viel spektakulärer fallen jedoch die Änderungen ins Gewicht, die durch den neuen A12 Bionic-Prozessor und dessen ISP (Image Signal Processor) ermöglicht werden.

Der neue Chip mit der gegenüber dem Vorgänger verbesserten Neural Engine ermöglicht 5 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Der ISP führte bisher bei jedem Bild bis zu 7 Operationen gleichzeitig aus. Zuerst werden die optimale Belichtung, der passende Weißabgleich und der Fokus auf das gewünschte Motiv ermittelt. Nach dem Auslösen wird das Rauschen im Bild optimiert, es werden lokale Bildanpassungen durchgeführt und bei HDR- oder Panoramaaufnahmen mehrere Bilder zu einem Bild zusammengefügt. Neu ist, dass zusammen mit dem A12 Bionic Chip nun außerdem noch Gesichtserkennung in Echtzeit sowie die Erfassung von Gesichtsmerkmalen und Tiefeninformationen bei jedem Bild stattfinden.

 

Aufgenommen mit dem iPhone Xs
im Bühnenlicht-Modus

 

Tiefen Kontrolle (Depth Mapping)

Bisher galt die Faustregel, wer ein gutes Porträt machen will, braucht eine Kamera mit großem Sensor und dazu ein Objektiv mit relativ großer Blende. Beide Faktoren beeinflussen die Schärfentiefe im Bild und ermöglichen es dem Fotografen, den Hintergrund unscharf zu gestalten. Neben Lichtsituation, Farbgestaltung und Motiv ist das einer der zentralen Aspekte, warum ein Porträt bei der breiten Masse Gefallen findet. Mit dem iPhone 7 Plus hat Apple den Porträtmodus vorgestellt. Hiermit war es erstmals möglich, einen Bokeh-Effekt zu simulieren und somit den Fokus des Betrachters voll auf das Motiv zu lenken. Der neue A12 Bionic Chip im iPhone Xs, Xs Max und XR hat eine verbesserte Tiefenengine und ermöglicht damit einen großen Sprung bei der Qualität des Unschärfeeffekts. Apple hat sich nach eigenen Aussagen intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und dabei hochwertige Objektive von führenden Herstellern analysiert. Daraus resultiert ein sichtbar besseres Bokeh. Der Übergang an Kanten und feinen Details ist natürlicher, weshalb Gesichter schöner freigestellt wirken. Möglich macht das der Leistungssprung des A12 Bionic Chips im Bereich der Neural Engine.

Erstmals gibt es nun auch die Möglichkeit, die Schärfentiefe in der Software nachträglich zu verändern. Eindrucksvoller Beleg sind die Bildergebnisse auf Apples Website zum neuen iPhone Xs. Hiermit werden die Gesetze der Optik umgangen und man ist dadurch in der Lage, ohne große und teure Objektive tolle Porträts zu kreieren. Das kann wirklich jeder, auch ohne tiefes Know-how in der Fotografie, und das spätestens nach dem nächsten Generationswechsel seines iPhones.

 

Smart HDR

Der bekannte HDR-Modus wurde ebenfalls verbessert. Das iPhone nimmt jetzt bei jeder Aufnahme automatisch bis zu neun Bilder auf, und zwar ohne Auslöseverzögerung bei sich bewegenden Motiven. Die Mischung aus vier normal belichteten Bildern, vier überbelichteten Zwischenbildern und einer Langzeitbelichtung ermöglicht den optimalen Mix von ideal belichteten Bildbereichen von dunkel bis hell. Smart und somit neu daran ist, dass nicht nur dunkle und helle Bereiche, sondern auch Motive erkannt und optimiert dargestellt werden. Es funktioniert intelligenter und geht damit weiter als klassische HDR-Funktionen. Früher machte man so was selbst mit Stativ, Belichtungsreihen und nachträglicher Bearbeitung in einer HDR-Software. Der A12 Bionic Chip erledigt das nun automatisch bei jedem Bild und trifft mit Billionen Rechenoperationen laut Apple die richtigen Entscheidungen für jedes Motiv.

 

iPhone Xs – auch eine neue Ära im Bereich Video

Obwohl das Thema Video seit Jahren rasant zunimmt und unter anderem im Social-Media-Bereich zunehmende Bedeutung gewinnt, wird dieses Feature oft erst als Letztes in Betracht gezogen. Das iPhone übertrifft hier sogar teure Kameras im Preissegment bis 2.000 €. Es zeichnet 4K mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde oder 1080p mit bis zu 240 Bildern pro Sekunde auf. Bezüglich der reinen Bildqualität konnte bereits das iPhone X erstaunlich gut mit dem damaligen Platzhirsch GH5 aus dem Hause Panasonic mithalten, wie etwa der Test von Fstoppers belegt. Neu sind inzwischen auch Stereoaufnahme und -wiedergabe möglich und die Technologie des A12 Bionic Chips erlaubt darüber hinaus einen erweiterten Dynamikumfang bei Aufnahmen bis zu 30 fps.

Die neue iPhone-Generation und iOS 12 bringen zusätzlich noch viele kleine, aber durchaus interessante Features mit, die es dem User ermöglichen, noch kreativer zu sein. Die Kamera startet jetzt spürbar schneller als in vorherigen iOS-Versionen. Der Suchalgorithmus wurde verbessert und es werden Momente und Personen erkannt. Man kann neu nach mehreren Begriffen gleichzeitig suchen. Gibt man „Hund“ und „Strand“ ein, findet iOS alle Bilder von Hunden am Strand, sofern diese in der eigenen Fotobibliothek vorhanden sind. Den aus der Music-App bekannten „Für Dich“-Bereich gibt’s mittlerweile auch in der Foto-App und es ist nun noch einfacher, die Bilder mit Familie und Freunden zu teilen. Die „Share back“-Funktion schlägt dem User intelligent Fotos vor, die am selben Tag oder zum gleichen Event aufgenommen wurden, zum Beispiel Fotos, die der User von einer anderen Person erhalten hat.

 

Fazit

Die traditionellen Kamerahersteller müssen sich bereits seit Jahren damit auseinandersetzen, dass sie im Massenmarkt eine immer kleinere Rolle spielen. Professionelle Anwender, die mit der Erstellung von Inhalten ihr Geld verdienen, werden auch in Zukunft auf professionelles Equipment vertrauen. Auch ambitionierte Hobbyfotografen dürften weiterhin hochwertige Kamerasysteme und passende Objektive kaufen, weil es ihre Leidenschaft ist. Aber Profis und ambitionierte Hobbyfotografen sind nicht der Massenmarkt. Dieses Spielfeld wird kleiner und welche Folgen drastisch rückläufige Stückzahlen und Umsätze in einem Markt mit vielen Anbietern haben, dürfte heute den meisten Menschen bewusst sein. Aus meiner Sicht wird es das Kamerasegment im Preisband bis 1.000 € in den nächsten drei Jahren überaus schwer haben. Die Fotos und Videos aus dem iPhone sind mittlerweile so gut, dass man nahezu keinem, der sich nicht ernsthaft mit Fotografie beschäftigen will, noch eine andere Kamera empfehlen muss. Zusätzlich bietet es in allen anderen Bereichen derart viele Vorteile, dass der Kauf eines neuen iPhones für viele Anwender eine deutlich sinnvollere Investition darstellt, als der Kauf einer neuen Systemkamera. KI und Machine Learning stehen tendenziell noch am Anfang. Die Entwicklung wird meiner Meinung nach sehr rasant weitergehen. Ich bin äußerst gespannt, welche Features, insbesondere in der Bildgestaltung, hier künftig noch kommen werden.

Für den Anwender ist das eine tolle Entwicklung. Mit dem iPhone Xs schafft Apple zwei weitere Themen aus dem Weg, die über Jahre nicht einfach gelöst werden konnten: Porträtfotografie ohne lichtstarke Objektive und die optimale Belichtung auch bei Motiven, die einen größeren Dynamikumfang aufweisen als der Kamerasensor. Zu seinem hervorragenden Vorgänger, dem iPhone X, ist es für manche gegebenenfalls nur ein weiterer Schritt nach vorn. Aber in der Geschichte der Fotografie beschreibt diese Entwicklung meiner Meinung nach einen Meilenstein.

 

Apple Newsroom:

https://www.apple.com/de/newsroom/2018/09/iphone-xs-and-iphone-xs-max-bring-the-best-and-biggest-displays-to-iphone/

 

Stefan Schwarz
#Stefan Schwarz

Stefan Schwarz

Business Development Manager

Stefan Schwarz ist als Business Development Manager Apple bei ALSO für die Entwicklung des B2B und Education Geschäfts im Apple Markt verantwortlich. Neben den Apple Bereitstellungsprogrammen (DEP & VPP) und AppleCare ist er Ansprechpartner für die Apple Version der E-Commerce Lösung ALSO MyStore (–professionelle E-Commerce-Lösung für Apple Partner). Privat ist der 37-Jährige Familienvater passionierter Fotograf, überzeugter Apple User und leidenschaftlicher Basketball Spieler.

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